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Ein Netz von Zugstrecken ist in Michael Wittes Zeichnungen erste Vorgabe zur Aufteilung des Blatts. Die Übereinstimmungen mit dem Berliner Nahverkehrsnetz sind deutlich. Solche Bahnwege werden Linien genannt, genau wie die Grundfigur beim Zeichnen.

Die Linie schneidet durch die Fläche und verbindet. Und macht aus Menschen Mitfahrer, Sitznachbarn und Kontrolleure. Doch nicht nur Linien gehen durch das Land, auch ein amputierter Fuß taucht verschiedentlich in den Zeichnungen auf. Und ebenso jene andere Figur, der sogenannte Schmuser – dessen Name zu weich klingt, um einfach nur der Gute zu sein.

Er ist gekennzeichnet durch seine wechselnden farbenfrohen Kapuzen, deren Gestaltung an Embleme wie Wappen erinnert. Sie sind neben den Bahnstrecken das einzig farbig gehaltene Element der Zeichnungen.

In der ansonsten reduzierten Formensprache technischer Zeichnungen lassen einige Elemente an Züge und Waggons in Draufsicht denken, andere an Särge, und die Kompartimente größerer Flächen an Wohnsiedlungen ebenso wie an Friedhöfe. Es sind also verschiedene Systeme, die einander durchdringen. Für die Darstellung dieser Wechselseitigkeit nimmt Michael Witte keine Räumlichkeit in Anspruch, sondern entwirft sie zurück in die Fläche.

Dabei nehmen allein die Verkehrswege gelegentlich eine erstaunlich voluminöse, fast organische Qualität an, in welcher sie in Blei- und Buntstift auf das Blatt gelegt sind. Man stelle sich ein Adernsystem mit Unter- und Überführungen vor.

Dass ein Fuß bei lebendigem Leib abstürbe, ist wiederkehrendes Motiv; diese Gleichzeitigkeit, diese Selbstungleichheit eines Körpers, wird als unheimlich empfunden, so unheimlich wie die Zeit selbst. Wie die Teilung Berlins zwischen Ost und West, die es gab, aber nicht mehr gibt, und von deren Existenz doch die topografischen Gegebenheiten Zeugnis ablegen. Wie sie darstellen – die Zeit – auf einem Blatt?

In einer Zeichnung versammelt Michael Witte Knotenpunkte des Berliner Nahverkehrs, ihre Namen und topografischen Verhältnisse. Es entsteht so ein System zeitgeschichtlicher Referenzen, denn jeder dieser Orte war zu seiner Zeit ein wesentlicher Verbindungspunkt innerhalb eines historischen Gefüges. So legen sich auf unauffällige Weise in einer einzigen Planebene verschiedene Zeitschichten ineinander.

Wie Wappen einst im berittenen Kampf zwischen Freund und Feind unterscheiden halfen, so dient Farbe hier der Orientierung und Schaffung von Ordnungssystemen, um durchzusteigen durch eine vielgestaltige Wirklichkeit.

So wie der „Schmuser“ im Schutz seiner Kapuze enthält auch die Art, wie die Haltestellen innerhalb der Verkehrsröhren liegen, bei aller Reduktion der Darstellungsmittel doch ein Moment des Eingehüllten, Bewahrten. Diese Gebilde erinnern an Kokons, ohne dabei jemals etwas anderes zu sein als Elemente von Schaltplänen, Lageplänen. Wie zwei dieser langgestreckten Zellen so nebeneinanderliegen und einen leeren Kern umfassen – von ihnen wegführend nach oben und unten je eine Bahnstrecke –, erhalten sie eine ungeahnte, anrührende Anmut und Biegsamkeit.

Aber es sind doch nur Gleislagepläne. Eben.                     

Zeichnung ist hier Wissensorganisation, Entzifferungsarbeit und zugleich apotropäische Handlung, um Dämonen abzuwehren und Schaden fernzuhalten.

von Katha Schulte 


English version

Michael Witte starts by using a network of train lines to divide up the surface of his drawings. There is a clear correspondence to the Berlin local transport system. Train tracks such as these are called lines, as is the basic mark in drawing.

 The line cuts through surfaces and makes connections which, out of people, creates fellow passengers, neighbours and ticket collectors. And it’s not only lines that pass through the landscape, an amputated foot emerges in the drawings every now and then. As does another figure: the so-called charmer (the “Schmuser”) – whose name sounds too good to be true.

He can be identified by his changing brightly-coloured hoods, with patterns reminiscent of emblems or coats of arms. These and the train lines are the only coloured parts of the drawings.

In the otherwise sparse formal language of technical drawing, some elements pictured call to mind trains and carriages as seen from above, others coffins, and the compartmentalisation of larger surface areas on housing estates or cemeteries. Here, we have different systems which permeate one another. To depict this reciprocity, Michael Witte doesn’t use three-dimensional space, he reflects it on a two-dimensional surface.

Only the transport routes often assume a surprisingly voluminous, organic quality, rendered on the page in graphite and coloured pencil. One can picture an arterial system with subways and flyovers. 

A recurring motif is the dying foot attached to a living body; this simultaneity, this self disequilibrium of body, is experienced as uncanny, as uncanny as time itself. Just like the division of Berlin into East and West – now non-existent, and yet to whose existence topographical features still bear witness. How can this thing called time be depicted in two dimensions?

In one drawing, Michael Witte brings together intersections in the Berlin local transport system, their names and topographical relations. Thus, a system of contemporary historical references is created, as each of these locations was, in its day, an important juncture within a historical framework. In this inconspicuous way, different time periods in history merge together in a single layer.

Just as coats of arms once helped distinguish between friend and foe in the midst of battle, colour helps here with orientation and the creation of systems for order, to navigate a highly diversified reality. 

Like the “Schmuser” in his hood, in spite of its simplification the stops along the traffic pipes are depicted in a manner that still manages to encapsulate a moment of envelopment, of preservation. These shapes are reminiscent of cocoons without ever being anything other than elements of circuit diagrams and site plans. The way in which two of these elongated cells lie alongside one another, encircling a hollow core – one train line leading away from them above and one below – gives them an unexpected, touching grace and pliancy.          

But they are really only track layout plans. After all.        

Here, drawing is simultaneously the organisation of knowledge, a deciphering process, and the apotropaic act of warding off demons and keeping harm at bay.  

by Katha Schulte




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