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Es ist sicher nicht übertrieben, Paul Kai Schröder als Sonnyboy zu beschreiben. Als Schauspieler hat er bereits reüssiert, und so konzentrierte er sich in den letzten zwei Jahren auf das Zeichnen. Seine unbetitelten Zeichnungen sind labyrinthisch, sie lassen an Landkarten denken, an Topografien fremder Planeten, an extrem detaillierte Diagramme oder an die hochkomplexen kristallinen Strukturen in mikroskopischen Vergrößerungen von Gesteinen. Aber es ist zu billig, hier einfach nur eine Dekonstruktion des Vorhandenen entdecken zu wollen.

Vielmehr zeichnet Schröder hier seiner Fantasie entsprungene Strukturen – chaotische, manchmal komplexe, manchmal wütende –, für die er sich nicht der Realität bedient, sondern sich nur an sie anlehnt. Klare, höchst feinteilige Linienzeichnungen führt Schröder in Tusche aus und füllt die so entstandenen Formen mit subtilen Schattierungen in Buntstift. Das Ergebnis ist beeindruckend wirr. Und dennoch, wie wenn sich aus der Buchstabensuppe plötzlich wie von selbst Wortbruchstücke formieren, so glaubt man auch in den Arbeiten Schröders immer wieder etwas Neues zu erkennen: einen Turm, Buchstaben, eine Treppe, die wie bei M. C. Escher in die falsche Richtung führt, das Segment eines Spielfelds, ein Firmensignet. Alles ist ineinander verkantet und miteinander verwoben, aber doch kein völliges Durcheinander, sondern durch eine raffinierte Farbigkeit in kalkulierter Schwebe gehalten, wie ein Tetris-Spiel für hyperintelligente Außerirdische.

Das liebevoll erstellte Chaos im Zentrum der Zeichnungen wird dabei stets von einem geordneten Rand umspielt. Meist in gleichmäßigen, dezent farbigen Streifen, die geklärt wirken. An den äußersten Rändern wölben und falten sie sich nach außen, wie ein sehr leichtes, beinahe transparentes Seidentuch, von dem man zwar weiß, dass es eine rechteckige Grundfläche hat, es sich aber nie so legt, sondern gleichsam die Erinnerung eines Körpers mit sich trägt. Auf eine ähnliche Weise tragen die Zeichnungen von Paul Kai Schröder Momente von Beobachtung und Erinnerung in sich, aber auch eine anarchische Freude an der Verknüpfung zum großen gezeichneten Teppich aus Bild und Welt.

Andreas Schlaegel


English version

It is no exaggeration to describe Paul Kai Schröder as a man of many talents. Already an acclaimed actor, for the past two years Schröder has turned his attention to drawing. At first sight, his series of untitled works are labyrinthine, suggesting maps, topographies of far-off planets, highly detailed diagrams, or the complex crystalline structures of rocks as seen through a microscope. But a closer look reveals that viewing the complexities of his work merely as a deconstruction of existing objects is too simple an approach

Schröder’s work is essentially about structures – chaotic, complex, even raging – that have sprung from his imagination. Although they allude to reality, they make no attempt to depict it. Schröder draws in ink, tracing out fine lines and subtly shading in the resulting shapes with colored pencil. The result is impressively confusing. And yet, in the way that fragments of words suddenly appear in a bowl of alphabet soup, one always feels one has discovered something new in Schröder’s work: a tower, a letter of the alphabet, an Escherian staircase leading in the wrong direction, part of a sports field, a company logo. Everything leans in on and gets caught up in everything else, but thanks to the sophisticated use of color, the result is not chaos but rather a carefully poised freefall like a game of Tetris for hyper-intelligent extra-terrestrials.

The lovingly created chaos in the center of the drawings is always encased in a neat margin – evenly drawn stripes of muted colors that have a clarifying effect on the whole. At the outer edges, these lines bulge and fold outward like a very light, almost transparent silk scarf, which one knows is actually square but which never takes on that shape, instead maintaining the organic form of its wearer. Schröder’s drawings are similarly suggestive, drawing on moments of observation and memory, and exuding an anarchic joy in weaving together the fantastic and the real in one huge tapestry.

Andreas Schlaegel