Info

for English version please scroll down

Andreas Schlaegel schreibt zur Ausstellung Back In Town im Kunsthaus Hamburg 2014 über die Arbeit von Anja Scheffler-Rehse:

Die einzelnen Seiten bilden eigenständige Bilder, die sich wie ungezügelte, beinahe automatische Texte lesen lassen, aber stets nahe am Kommentar operieren. »Wrong business is still doing the healing« heißt es in einem Bild, oder: »Viel Zeit bleibt nicht / Auf der Scheiße-Linie«. Dazu ein Strichmännchen auf dem Lokus. Es beschreibt drastisch das grundsätzliche Risiko jeder künstlerischen Arbeit [1]. Im Buch der Künstlerin hat auch das seinen Platz, es überhaupt zu thematisieren, auch in ihrer humorvollen, aber rotzigen Punk-Attitüde, zeugt vom ausgeprägten Selbstvertrauen in die eigene poetische Kraft.

Wer die Räume in der Galerie der Villa besucht, die Anja Scheffler-Rehse als Atelier dienen, wird sie nie vergessen. Sie quellen über vor Dingen, die die Künstlerin auf Spaziergängen aufliest und in ihre Aufzeichnungen einfügt, um darin Worte in einer Erzählung zu werden, die ständig fortgeschrieben wird. Ihr farbenprächtiger Bildtext erinnert in der Aneignung ihrer Umgebung wieder an Stevenson, der auf seiner Reise mit dem Esel ebenfalls alles, was ihm begegnet, auf sich bezieht.

Die Hamburger Kunsthistorikerin Belinda Grace Gardner schreibt zur Ausstellung Zusammenspiel 2009 in der Galerie der Villa über den Arbeitsraum von Anja Scheffler-Rehse als öffentlich zugängliche Installation:

Die Schönheit, die sich im „scheinbar unbrauchbaren, unnützen, von anderen als Dreck oder Müll deklarierten“ Gegenstand verbirgt, sucht die Hamburger Künstlerin Anja Scheffler-Rehse freizusetzen. Ihre Assemblagen und Installationen, die sie in ihrer Werkstatt in der Galerie der Villa produziert, strotzen geradezu vor Material- und Formfülle. Ihr Augenmerk richtet sie, ähnlich wie Antje Bromma, auf Fundstücke unterschiedlichster Provenienz, die ihr am Wegesrand oder im Alltag begegnen. Gebrauchsgegenstände wie Becher und Gläser, Metallketten, Kunstperlenstränge, Schlüssel, Stofftiere, Textilien, Nippes und Krimskrams jeglicher Art werden von der Künstlerin zu vielschichtigen Ensembles zusammengestellt, die voller Geschichten und Geschichte stecken. „Ich versuche auf meine Art, Ordnung in das Chaos zu bringen, indem ich die mir ersichtlichen, darin erhaltenen Strukturen sichtbar mache“, so Anja Scheffler-Rehse. „Meistens bestimmt das Material das Thema, manchmal geht es auch um Themen, die mich gerade beschäftigen.“ Aus dem surrealen Nebeneinander von Haushaltsschwämmen, Gabeln, Muscheln, Wäscheklammern, Nähzeug, Büroartikeln oder einer Gartenharke, die ihre raumgreifenden Assemblagen charakterisieren, bildet die Künstlerin narrative Tableaus und märchenhafte Mobiles, in denen sich Figuren, Gesichter und weitere erkennbare Formen herauskristallisieren. Ihre Arrangements, Kreuzungen zwischen Schreinen eines geheimnisvollen Kultes, dreidimensionalen Collagen und lebenspraller Prozesskunst, verleihen dem alles einbeziehenden, die Grenzen zwischen „High“ und „Low“ aushebelnden Geist von Dada und Fluxus eine neue Umdrehung. Subjektiver Blick und kollektiver Stoff greifen hier ineinander und evozieren die dialektisch zwischen Mythos und Alltagsgegenstand, Inszenierung und Zufall, trashiger Beiläufigkeit der Mittel und gestalterischer Opulenz balancierenden Objekte und Collagen der beiden Mitbegründer des Nouveau Réalisme Anfang der 1960er Jahre: Fallenbildner Daniel Spoerri und Kinetik- Konstrukteur Jean Tinguely, deren Zusammenführung von Ästhetik und Poesie des Alltags in der „individuellen Mythologie“ des mehrfachen Documenta-Teilnehmers Michael Buthe in den 1970er und 1980er Jahren nochmals auf eigene Weise zum Tragen kam. Wie Karsten Müller, Leiter des Ernst Barlach Hauses in Hamburg, anlässlich der dort 2009 gezeigten Buthe-Werkschau im Begleitkatalog schreibt: „Alles kann in seine Kunst eingehen [...] Das Ergebnis ist ein facettenreiches Kaleidoskop, das die Grenzen zwischen Kunst- und Lebenswelt verwischt


English version

Andreas Schlaegel writes about Anja Scheffler-Rehse's work (Back in Town, 2014, Kunsthaus Hamburg):

The individual pages form stand-alone pictures read like unbridled, almost automatic texts but operate not unlike commentary. One picture is entitled Wrong business is still doing the healing, another Viel Zeit bleibt nicht / Auf der Scheiße-Linie. With a matchstick man. It describes in a drastic way the risk at the heart of every creative endeavour [1]. In this artist’s book, that too has its place, using it as a theme in her humourous but snotty punk attitude, from a bold conviction in her own poetic power.

Any visitor to the rooms in Galerie der Villa which Anja Scheffler-Rehse uses as her studio will never forget them. They are bursting with things the artist picks up on her walks and integrates into her works, where they become words in a narrative that is continuously updated. Her colourful captions, appropriated from her surroundings, once again remind one of Stevenson, who while journeying with his donkey also applied everything he encountered to himself.

The Hamburg-based art historian Belinda Grace Gardner writes about Anja Scheffler-Rehse's working space as a publicly accessible installation (Zusammenspiel / Interplay, 2009, Galerie der Villa):

The Hamburg artist Anja Scheffler-Rehse seeks to release the beauty, which is concealed in objects “seemingly useless and defined by others as dirt or garbage.“ Her assemblages and installations, which she produces in her workshop at the Galerie der Villa, are virtually brimming with an abundance of forms and materials. Like Antje Bromma, she directs her attention to found objects stemming from a large array of sources, which she encounters by the wayside or in everyday life. Articles of daily use, such as cups or glasses, metal chains, strands of fake pearls, keys, stuffed animals, textiles, bric-a-brac, and knick-knacks of all kinds are assembled by the artist into multi-layered ensembles, which are full of stories and histories. “In my own way, I try to bring order into the chaos by making visible the inherent structures that are conceivable to me,” as Anja Scheffler- Rehse states. “Sometimes the material determines the theme, sometimes topics that interest me at the moment are addressed.” From the surreal juxtaposition of kitchen sponges, shells, forks, clothespins, sewing and office items or a garden rake, which is characteristic of her sprawling assemblages, the artist creates narrative tableaus and magical mobiles, in which figures, faces, and other recognizable forms emerge. Her configurations, which appear like a conflation of shrines of mysterious cults, three-dimensional collages, and exuberant process art, lend the all-encompassing, spirit of Dada and Fluxus exceeding the boundaries between “high” and “low” a new, dynamic twist. Subjective perspective and collective subject matter are intertwined here, evoking the objects and collages of the co-founders of Nouveaux réalisme in the early 1960’s, the inventor of trap pictures, Daniel Spoerri, and the creator of kinetic sculptures, Jean Tinguely, in which myth and everyday object, staged spectacle and chance, trashy means and constructive opulence came together in a dialectic balance— a fusion of aesthetics and the poetry of everyday life to which the multiple Documenta participant Michael Buthe gave his very own expression in his “individual mythology” in the 1970’s and 1980’s. As Karsten Müller, director of the Ernst Barlach Haus in Hamburg writes in the accompanying catalogue published on the occasion of the Buthe retrospective shown there in 2009, “His art can make use of anything and everything [...] The result is a many-facetted kaleidoscope that blurs the boundaries between art and life.“